Hospice

Last weeks, last days, last hours.
To be in safe keeping.
Death with dignity.

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WAS KOMMT HINTER DEM HORIZONT?

Wolfgang Gehrmann (80)

Ostpreußen ist meine Heimat und bleibt meine Heimat. In Königsberg, das heute Kaliningrad heißt und in Russland liegt, habe ich die schönsten Jahre meiner Kindheit verbracht – mitten im Krieg. Die Stadt, die Landschaft, die Ostsee, alles steht mir noch vor Augen, als wär’s gestern gewesen. Dabei sind meine Erinnerungen daran schon über siebzig Jahre alt. Da ist schon eine ganze Menge Zeit vergangen seitdem.

Nach dem Mauerfall habe ich mir manchmal überlegt, ob ich noch einmal hinfahren soll. So gern würde ich die alte Stadt, den Fluss, die Kiefernwälder, den Strand, die Nehrung und alles wiedersehen. Aber gleichzeitig hatte ich eine Riesenangst davor. Ich würde die schöne Stadt, die zum Kriegsende fast vollkommen kaputtbombardiert wurde, bestimmt nicht wiedererkennen. Und jetzt, wo ich im Hospiz lebe, steht sowieso fest, dass ich da nicht mehr hinkomme. Macht nix, nö, denn ich wollte meine schönen Kindheitserinnerungen doch lieber behalten und nicht gegen die harte Realität austauschen. Das hätte alles im Nachhinein kaputt gemacht. Und das hätte ich nicht ertragen, denn so viele glückliche Kinderjahre hatte ich nun wirklich nicht.

Im Schnelldurchlauf: 1936 geboren, erst Breslau, Berlin und dann Ostpreußen, wo meine Eltern herkommen. In Königsberg wohnten wir bei meiner Oma. Schön war es, aber mit neun Jahren hörte meine Kindheit abrupt auf. Mein älterer Bruder wurde gezwungen Königsberg „zu verteidigen“ und kam mit 15 Jahren in russische Kriegsgefangenschaft. Wir mussten flüchten. Meine Mutter, meine Oma, ich und zwei meiner Geschwister. Mit dem Treck über das zugefrorene Frische Haff bei minus 14 Grad und dabei von Tieffliegern beschossen. Viele Bilder von Toten und Verletzten haben sich auf meiner Netzhaut eingebrannt. Leichen auf und unterm Eis, tote Augen die einen anstarren. Immer nur Angst. Noch heute kann ich kein Feuerwerk sehen, ohne an die Leuchtraketen erinnert zu werden und an den Tieffliegerbeschuss. Da dreht sich mir der Magen immer noch um. Irgendwann, eine gefühlte Ewigkeit später, dann eine Notunterkunft in einem Schweinestall in Schleswig-Holstein. Dann endlich Frieden. Aber trotzdem blieb man Flüchtling. Einmal Flüchtling, immer Flüchtling, und Flüchtlinge waren der letzte Dreck, wurden nie für voll genommen und bekamen immer die Schuld – auch wenn sie nichts getan hatten. Damit keine Fragen aufkamen, woher ich komme und so, habe ich mich sprachlich auch immer wieder angepasst. Heute spreche ich mit einem Bremer Zungenschlag. Auch schön. Ich stehe zwar dazu, dass ich Ostpreuße bin, aber es war einfacher, das erst einmal zu vertuschen. In der Schule war ich gut, hab’ sogar eine Klasse übersprungen, aber Freunde hatte ich keine. Wir gehörten nicht dazu. Aber konnten wir etwas dafür?

Das änderte sich erst, als ich als nach meiner Lehre als Bäcker und Konditor in Bremen auf der „Möwe“ anheuerte als Kochmaat. Ich hatte immer schon den Drang zur See – von Kindesbeinen an. Fragen Sie mich nicht warum, das war einfach so. Die ersten Monate habe ich jeden Tag Gemüse geputzt, die Kombüse geschrubbt und mindestens einen Rieseneimer Kartoffeln schälen müssen. Aber das hat mich nicht groß gestört, denn auf einmal gehörte ich zur Mannschaft, und an Bord standen alle füreinander ein. Endlich kein Flüchtling mehr! Bald wurde ich zweiter Koch.

Immer, wenn wir die südliche Ostsee befuhren, auf dem Weg nach Helsinki zum Beispiel, habe ich mich gewundert, was ich da auf einmal spürte. Ich hab auf hoher See Kiefernwälder gerochen. Ehrlich – und ich bin kein Spinnkopp. Ich fühlte mich einfach wohl in der Nähe des Längengrads, auf dem auch meine Heimat Ostpreußen liegt. Wieso und warum das so war, versteh ich bis heute nicht. Aber ein gutes Gefühl war es jedes Mal.

Und dann kam die Zeit der Großen Fahrt. Sechs Jahre lang kreuz und quer über die Weltmeere. Ich bin froh, dass ich die „alte“ Seefahrt noch erleben durfte. Heute werden die Seeleute so oft ausgewechselt, dass man sich an Bord gar nicht mehr kennt. Ja, das war ’ne dolle Zeit. Ich weiß nicht, wie viele Stürme ich erlebt habe, wie viele Hafenstädte ich gesehen habe, geschweige denn wie viele Mahlzeiten ich zubereitet habe. Bei Sturm kochen, dabei schlingert man nur so durch die Kombüse und dann auch noch eine Rinderhälfte zerlegen, das muss ausgesehen haben! Also die Rinderkeule hängt am Haken, ich habe sie umarmt mit dem große Messer in der Hand und wir haben im Rhythmus der Wellen getanzt, so lange bis sie mustergültig entbeint war. Ach, ich könnte noch hundert lustige Geschichten von der Seefahrt erzählen. Aber Ernstes gab es natürlich auch, denn so romantisch, wie die Landratten es sich vorstellen, ist die Seefahrt beileibe nicht.

Mehrfach hab’ ich erlebt, dass Besatzungsmitglieder auf hoher See starben, und dann gab es ein Seemannsbegräbnis. Der Leichnam wurde in ein Stück Persenning eingenäht, der Kapitän hielt eine Abschiedsrede, die Glocke läutete vier Mal, und dann wurde der Tote dem Meer übergeben. Alles sehr würdig. Da wird selbst der großmäuligste Seemann kleinlaut.

Für meine Beisetzung wünsche ich mir Ähnliches. Mein Sarg soll wie ein Schiffsrumpf vorn und hinten gebogen sein. Einfache Bretter mit Feder und Nut. Dann werde ich dem Feuer übergeben, und die Urne mit meiner Asche soll im Meer versenkt werden. Das wissen meine Kinder. Nee, nicht die Nordsee und nicht das Wattenmeer, die Ostsee soll es sein. Am liebsten natürlich auf „meinem“ Längengrad: 20.5109500°.

Mit fast dreißig hat es mich wieder ans Festland gespült. Ich hab geheiratet, zwei Kinder bekommen, bin lange nachts Taxi gefahren – auch das ein Kosmos für sich – und habe tagsüber Kurse an der Fernuniversität belegt. Alles was mich interessierte: Biologie, Mikroskopie, Virologie, Gesundheitswesen, Bibliothekswesen, ach und noch so einiges mehr. Das kam mir später gut zupass, als ich an der Universität Bremen gearbeitet habe. Die Kollegen wussten mich schon zu finden. Ich habe präpariert, seziert, Studienreihen begleitet und tausend Sachen mehr. Aber in meiner Freizeit zog es mich immer wieder aufs Wasser hinaus. Mein Segelboot hab ich Mizar getauft. Als Kind habe ich mir immer schon gerne Sterne am Nachthimmel angeguckt. Mizar ist der Name eines hellen Sterns am Großen Wagen. Mizar war mein Zuhause, klein aber fein. Meine Wohnung in der Stadt war nur eine Außenstelle. Auch jetzt hier im Hospiz brauche ich nicht viel Platz. Das schöne Zimmer ist größer als meine Kajüte, und über meiner Koje hier hängt ein Foto von der Mizar. Leider werde ich wohl nie mehr segeln – höchstens im Weltall…

Bis vor kurzem hatte ich noch viele Pläne und fühlte mich bärenstark. Manches hätte ich vielleicht eher machen sollen. Wenn man Träume hat, sollte man sie nicht auf die lange Bank schieben, habe ich jetzt gelernt. Aber nun ja, was nicht ist, ist eben nicht. Denn dann kam der Krebs. Die Ärzte haben mir gesagt, ich könnte mein Leben verlängern, wenn ich mich bestrahlen lasse. Natürlich hätte ich das machen lassen können, aber die Lebensqualität, die wäre futsch gewesen; zu viele Risiken und Nebenwirkungen. Und dann vielleicht noch ’ne Operation und noch eine, Intensivstation, Schläuche überall und was weiß ich. Das alles möchte ich nicht mehr. Das wäre eine endlose Quälerei geworden. „Nach langer, schwerer Krankheit“ heißt es dann später. Habe ich also dankend abgelehnt.

Meine Kinder wollten mich gerne in ihrer Nähe haben die letzte Zeit. Meine Tochter Iris wohnt in Darmstadt, mein Sohn Thomas hier. Er hat dafür gesorgt, dass ich einen Platz im Johannes-Hospiz bekomme. Bremen, die Weser, die Mizar, meine Freunde und Bekannte vermisse ich natürlich schon. Ich kannte Münster bisher eigentlich nur aus dem „Tatort“. Aber man kann nicht alles haben, oder?

Das Schöne an meiner jetzigen Situation ist, dass der Kontakt zu meinen Kindern intensiver geworden ist. Sie sind bei meiner Ex-Frau aufgewachsen. Aber jetzt zeigt sich auf einmal, wie viele Ähnlichkeiten und gemeinsame Interessen da sind. Auch bei den Enkeln. Das freut mich sehr. Und ich weiß jetzt auch, dass ein Hospiz der beste Platz für Sterbende, wie ich einer bin, ist. Da kann kein Krankenhaus und keine Palliativstation mithalten. Sehr privat, fast wie ein Hotel mit Zimmerservice und sehr freundliche Menschen, die Zeit für einen haben. Medizinisch gesehen topp! Da sind meine Ängste doch weniger geworden. Natürlich habe ich auch meinen Blues, meine schlechten Stunden. Vor allem nachts, wenn die Gedanken anfangen zu kreisen: Noch so viel Unerledigtes, und wie wird es zum Ende hin sein? Was ist wirklich hinter dem Horizont? Am liebsten wär mir das Walhalla, an das die Wikinger glaubten. Tagsüber kämpfen und abends gesellig zusammensitzen, Met und Bier trinken und Schweinebraten essen. Das wär doch was.

Aber Spaß beiseite: Man muss realistisch sein. Ich habe keine Zukunft mehr und kann jetzt auch Platz machen. Wenn es dann bald mal so weit ist, sag ich: Tschüss, adieu und au revoir. Oder frei übersetzt in der Seemannssprache: Leinen los und auf zum Horizont!

Wolfgang Gehrmann wohnte sechs Wochen im Johannes-Hospiz.
Er wurde in der Woche nach unserem letzten Treffen zweimal noch für einige Stunden ins Krankenhaus gebracht, wo man seine Luftnot vorübergehend lindern konnte. Danach war er immer sehr froh, wieder ins Hospiz zurückkehren zu können. Sein letzter markiger Spruch einige Stunden vor seinem Tod war „Hier verkümmert ein Genie“. Nachdem er – nach dem allerletzten letzten Sturm – seine Leinen losgelassen hat, ist er bei Tagesanbruch ruhig zum Horizont gesegelt.

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DANKE PAPA!

Christine van den Berg (19)

Nach dem Abitur bin ich für ein Jahr nach Frankreich gegangen, um dort ein Freiwillig Soziales Jahr zu machen. Meine beiden älteren Schwestern, Charlotte und Clara, hatten das auch getan – in Prag und in Washington D.C., und Papa meinte, dass es mir auch gut tun würde. Eigentlich wollte ich nicht wirklich weg, da Papa schon so krank war, aber er hat mich sehr ermutigt, es doch zu machen. Und so kam ich nach Paris und habe dort für Aktion Sühnezeichen gearbeitet. Im Büro der Organisation Les petits frères des Pauvres hauptsächlich, da habe ich für alte vereinsamte Menschen Besuchsdienste, Ausflüge und Feste organisiert und ab und zu auch im Begegnungscafé ausgeholfen und selbst Hausbesuche gemacht. Wichtig dabei war immer der Generationsdialog. Es waren sehr unterschiedliche Menschen, die ich auf diese Weise kennengelernt habe, aber fast alle hatten einen Krieg erlebt, irgendwo, irgendwann, und das hat mich doch sehr berührt. Bewegende, schöne und gleichzeitig auch schwierige Zeiten waren das für mich, aber rückblickend kann ich nur sagen: Du hattest Recht, Papa, es hat mich stärker und eigenständiger gemacht und meinen Blick auf die Welt geweitet. Und Du wolltest bestimmt auch, dass ich die letzte Verschlimmerung Deiner Krankheit nicht so hautnah mitbekomme. Oder?

Als ich 13 war, ist unsere Mutter von zu Hause ausgezogen. Das war einerseits schlimm, andererseits eine Erleichterung. Sie war seit Jahren schon suchtkrank, und die ganze Familie litt darunter. Ich konnte zum Beispiel nie Freundinnen zu uns nach Hause mitbringen und habe damals schon Aufgaben übernommen, die bestimmt nicht kindgerecht waren. Unser Vater hat aber viel aufgefangen und die Familie zusammengehalten. Er hat uns immer das Gefühl gegeben, dass wir drei Töchter und er eine starke Einheit bilden. Und so war es auch. Er war immer für uns da, hat aber auch immer wieder gesagt, dass wir unsere eigenen Wege gehen sollten. Clara hat bald danach schon das Haus verlassen, und Charlotte zog zwei Jahre später aus. Da waren Papa und ich alleine. Na ja, nicht ganz, denn Birgit, seine Freundin, kam am Wochenende immer zu uns. Das war schön, da haben wir es uns so richtig gemütlich gemacht. Darauf habe ich mich die ganze Woche schon gefreut. Birgit kann eine wunderbar harmonische Atmosphäre schaffen. Sie hat immer selbst gebackenen Kuchen mitgebracht, und wir haben unser Zusammensein richtig genossen. Als ich dann etwa 16 war, fand ich das allerdings auf einmal nicht mehr so gut. Da habe ich rebelliert. War es die Pubertät? War es Eifersucht? War es die Angst, Papa zu verlieren? Von allem etwas, denke ich im Nachhinein. Auf jeden Fall habe ich geklammert, wollte Papa am liebsten nur für mich haben, denn ich hatte auf einmal riesige Ängste. Eine Therapie hat mir geholfen, damit besser umzugehen. Birgit ist jetzt wichtiger denn je in meinem Leben. Sie hat unseren Vater die ganzen fünf Jahre durch seine Krebskrankheit hindurch begleitet, war ihm und uns eine Stütze, und auch jetzt ist Birgit die Frau, die uns mit Papa verbindet und die uns wertvoller ist als alle anderen Menschen um uns herum. Für sie war es bestimmt auch sehr schlimm, dass ihr neuer Lebenspartner Andreas – unser Papa – kurz nachdem sie ihn kennengelernt hatte, unheilbar krank wurde. Aber beide sind die fünf Jahre, die sie zusammen noch hatten, immer positiv mit der Krankheit umgegangen und waren sehr, sehr glücklich miteinander. Es war die große Liebe, das konnte man spüren. Birgit war immer an seiner, aber auch an unserer Seite.

In der Schule gab es zum Glück keine Probleme. Ich hatte immer recht gute Noten. Als aber unsere Familie zerbrach, war mir das alles auf einmal nicht mehr so wichtig. Da wollte ich eher das Leben genießen als Supernoten schreiben. Papa hat das verstanden. Es gab keinen Druck. „Wir beide sind ein gutes Team“, hat er immer gesagt. Über seine Krankheit haben wir nie viel gesprochen. Ich wusste davon, habe es aber nicht so sehr an mich rangelassen. Ehrlich gesagt, habe ich bis zuletzt – auch noch, als er schon im Hospiz war – geglaubt oder glauben wollen, dass er es schafft. Vielleicht nicht mehr ganz gesund zu werden, aber zumindest noch einige Jahre weiterzuleben. Er hat immer Optimismus verbreitet, war immer zufrieden und hat, wie soll ich sagen, eine beruhigende Zuversicht ausgestrahlt.

Gerade hatte ich mich in Paris etwas eingelebt, als Charlotte mich anrief, dass es Papa sehr schlecht gehe und ich sofort nach Hause kommen sollte. Ich habe mich furchtbar erschrocken, als wir uns wiedersahen. Er hatte so viel abgenommen und sah auf einmal schwerkrank aus. Aber er hat sich wenig anmerken lassen und uns immer gut zugeredet. „Ich glaube fest an euch“, hat er gesagt, „ihr werdet euch, wenn ich nicht mehr da bin, wieder fangen und euer eigenes Leben in die Hand nehmen, daran glaube ich ganz fest. Ihr schafft das!“ Ich wollte daheim bleiben, um ihn zu pflegen, aber das wollte er partout nicht. In der Zeit habe ich sehr viel geweint, nachher in Paris auch. Alles war so dunkel in mir. Aber alle dort hatten Verständnis und haben versucht zu helfen und mich abzulenken. Zwei Monate später musste ich wieder nach Hause fliegen. „Papa wird bald sterben“, hat Clara mir am Telefon gesagt. Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich bei ihm war, war er schon sehr schwach, hat aber immer wieder darauf bestanden, dass ich mein Freiwillig Soziales Jahr zu Ende mache. „Christine“, hat er gesagt: „Keine Widerrede. Du gehst zurück nach Paris. Das versprichst Du mir!“ Wir hatten alle zusammen noch eine Woche zu Hause mit intensiven Gesprächen. Diese letzte Woche mit Papa wird mir immer sehr lebhaft in Erinnerung bleiben. Oft denke ich daran zurück mit Glücks- und Trauergefühlen gleichzeitig.

Wenige Tage später wurde Papa ins Hospiz gebracht, und dann ging alles sehr schnell. Ich habe mich manchmal neben ihn gelegt mit meinem Kopf auf seiner Schulter, damit er spürt, dass ich da bin, aber ich musste immerzu weinen. Das Hospiz habe ich nur als ein schönes Haus empfunden mit einer guten Atmosphäre, aber Papa war zu kurz da, als dass ich alles bewusst wahrgenommen hätte. Eigentlich erinnere ich mich nur daran, dass das Pflegeteam und die Ärztin ihn immer respektvoll behandelt haben, ihn immer angesprochen haben, ihn immer gefragt haben, ob dies oder jenes für ihn in Ordnung sei – obwohl er nicht mehr antworten konnte. Das fand ich gut. Und der leckere selbstgebackene Kuchen dort hat mich zwischendurch irgendwie ein wenig getröstet. Das hört sich blöd an, ich weiß, aber es war so.

In der Nacht ist Papa gestorben, hinübergedämmert ohne Schmerzen. Wir waren alle nicht dabei, nein. Für ihn war das vielleicht auch besser so. Für mich wahrscheinlich auch. Es gab eine kleine Abschiedsfeier im Gedenkraum, wo jeder eine Kerze angezündet hat. Ich wollte nur etwas ganz Kurzes sagen und konnte die Worte fast nicht aussprechen. Das hat mich so viel Kraft gekostet, aber ich hab es geschafft. „Papa“, habe ich gesagt, „Papa…“. Na ja, dass ich ihn liebe und ihm danke und so. Er hat ja auch so gut und liebevoll für uns gesorgt. Auch über seinen Tod hinaus. Wir waren ihm das Wichtigste auf der Welt – zusammen mit Birgit.

Die nächsten Tage und die Beisetzung sind so an mir vorbeigerauscht. Wir drei Schwestern haben viel Zeit miteinander verbracht, zusammen im Bett gelegen, uns schöne Sachen von Papa erzählt und geweint, immer wieder geweint. Bis Charlotte und Clara wieder nach Berlin gegangen sind und ich nach Frankreich abreisen musste.

Paris hat mir in meiner Trauer dann doch gutgetan, das hat Papa bestimmt vorhergesehen. Nach dem zweiten halben Jahr dort habe ich, zurück in Münster, erst einmal angefangen zu studieren: Italienisch und Französisch. Einerseits tut es mir gut, wieder hier zu sein in unserer Wohnung und bei Birgit. Andererseits erinnert mich so vieles an Papa, und das kann ganz schön weh tun. Zum nächsten Sommersemester würde ich gern nach Berlin wechseln, wo meine beiden Schwestern schon länger studieren. Mein liebstes Hobby, Modern Dance und Jazzballett, könnte ich in Berlin als Uni-Sport auch weiter machen, und wir würden uns häufiger sehen, viel häufiger als jetzt. Das wäre schön, denn wir haben doch nur noch uns. Aber dann wäre Birgit natürlich wieder weit weg, und ich würde sie doch sehr vermissen. Sie sagt aber immer, dass sie möchte, dass wir glücklich und zufrieden sind, wo auch immer. Mal sehen, was passiert. Ich bewerbe mich jetzt erst einmal für einen Studienplatz in Berlin, oder vielleicht doch im Ausland?

Papa ist…, eh, war Architekt. Er hat mir immer viel gezeigt, erklärt und beigebracht. Ich liebe die Musik, die er liebte, und höre sie mir gern an. Die Dire Straits zum Beispiel. Dann kommen mir oft die Tränen, aber das ist dann eben so. Er war Realist und Optimist und stets der Ruhepol unserer Familie. Einmal hat er mir ein Armbändchen mit einem kleine Schutzengel daran geschenkt. Das trage ich jetzt immer, wenn ich Klausuren schreibe oder etwas Wichtiges vorhabe. Sein schönes Portemonnaie liegt hier zu Hause in einer Schublade. Ich benutze es fast nie – ich habe viel zu viel Angst, es zu verlieren…

Ein Jahr ist das nun schon her. Ein Jahr ohne ihn. Er ist nur 55 Jahre alt geworden. Clara, Charlotte und ich haben zusammen mit Birgit und ihren Kindern, mit denen wir uns sehr gut verstehen, dieses Jahr wieder Weihnachten gefeiert. Das war richtig schön. Wir haben auch viel über Papa gesprochen, Erinnerungen an früher ausgetauscht und so. An seinem Todestag waren wir alle zusammen auf dem Friedhof. Sein Grab ist schlicht, wie er es sich gewünscht hat, aber es ist nicht der erste Ort, wo ich hingehe, wenn ich an ihn denken möchte. Dort kann ich es nicht immer aushalten. Lieber denke ich an die Spaziergänge, die wir früher zusammen gemacht haben und die ich jetzt alleine mache, um gedanklich nahe bei ihm zu sein.

Das Wichtigste für mich war, dass ich mich mit Papa immer über alles unterhalten konnte. Gefühlte tausend Stunden haben wir am Küchentisch gesessen, Kaffee getrunken und über Gott und die Welt geredet. Man konnte über alles mit ihm sprechen. Er war ein guter Zuhörer und ein kluger Ratgeber. Immer sitze ich noch gern in unserer Küche mit seinem Kaffeebecher in den Händen und denke an ihn. Ich hab ihn irre lieb gehabt. „Bisi“ hat er mich oft genannt. Jetzt nennt mich niemand mehr so. Du fehlst mir, Papa. Du fehlst mir so sehr!

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ZUWENDUNG, ZEIT UND RUHE

Astrid Hückelheim (52)
Paula (2)

Wenn ich spätnachmittags von der Arbeit nach Hause komme, habe ich ein festes Ritual: Ich gehe anderthalb Stunden mit Paula spazieren. Sie ist ein Labrador und noch jung und verspielt, aber ich hoffe, dass wir im nächsten Jahr die Ausbildung zum Therapie- und Besuchshund machen können. Hierbei muss der Halter mehr lernen als der Hund… Ihre Vorgängerin Gina habe ich, bis sie sehr krank wurde, fast jeden Tag mit ins Hospiz genommen. Sie hatte ihren Korb dort im Wohnzimmer stehen und hat allein durch ihre Anwesenheit für eine positive Atmosphäre gesorgt. Oft hat sie einfach den Kopf auf das Knie eines unserer Bewohner gelegt, sie hat bei ihnen auf der Terrasse gesessen oder ist ganz ruhig mit einem Körbchen im Maul zusammen mit mir durch die Zimmer gegangen, und wir haben so die Post verteilt. Dann haben alle gelächelt. Sie war nie aggressiv – auch nicht, wenn andere Hunde zu Besuch kamen und sie blieb selbst in Stresssituationen immer ruhig. Sie ließ sich von jedem streicheln. Das warme Fell, das mag jeder, das verbreitet so ein Wohlgefühl, und Wohlgefühle sind wichtig für alle im Hospiz. Fühlen, riechen, schmecken, sehen, hören: Alle Sinne sollen angesprochen werden. Und ein Hospizhund kann sehr gut dazu beitragen. Wenn ich weiß, dass ich einen ganzen Tag in meinem Büro arbeiten muss, dann nehme ich auch Paula manchmal schon mit. Sie benimmt sich im Hospiz vorsichtiger, umsichtiger als daheim und kennt das Haus auch recht gut. Mal schauen, ob sie nächstes Jahr so weit sein wird, dass ich sie häufiger mitnehmen kann.

Geboren bin ich in Dorsten und dort in einer Zechensiedlung aufgewachsen. Ich fühle mich noch immer als Ruhrgebietlerin. Viele Männer aus meiner Familie haben damals „unter Tage“ gearbeitet. Mein Vater zuerst als Elektriker und später als Sprengmeister. Immer im Schichtdienst. Die fuhren zu allen Zeiten des Tages und der Nacht ein. Bergbau war total normal für uns Kinder. Die Zeche hieß Fürst Leopold, und wir fühlten uns da ganz verwurzelt. Als das Bergwerk vor 15, 16 Jahren geschlossen wurde, war mein Vater bereits Rentner, und ich lebte schon lange nicht mehr im Elternhaus. Aber das Gefühl der Zugehörigkeit ist geblieben. Es war eine spannende Kindheit im Ruhrpott.

Nach meinem Realschulabschluss habe ich zunächst ein Jahrespraktikum in einem Altenheim gemacht. Schon da wusste ich ziemlich sicher, dass ich Krankenschwester werden wollte. Das Praktikum hat mich in meinem Entschluss nur noch bestärkt, so dass ich danach die dreijährige Ausbildung zur Krankenschwester absolviert habe. Wir wohnten in einem Wohnheim und hatten jeden Tag praktischen und theoretischen Unterricht. Nach meinem Examen wollte ich nicht in Dorsten bleiben, und so hat es mich zuerst nach Münster verschlagen. Gearbeitet habe ich damals in Telgte in einem psychiatrischen Krankenhaus. Dort habe ich mich sehr wohl gefühlt und ich liebte meine Arbeit. Auch meinen ersten Mann habe ich dort kennengelernt. Aber es ging dann beruflich nicht unbedingt so weiter, wie ich es mir gewünscht hatte, denn ich wurde schwanger. Und wenn man in der damaligen Zeit in einem katholischen Haus arbeitete, konnte man nicht einfach so ein Kind bekommen… Es bedeutete, dass wir ganz schnell heiraten mussten, um nicht beide unsere Arbeitsplätze zu verlieren. Heute wäre das anders, aber damals war das halt so. Außerdem durfte ich nicht mehr auf „meiner“ geschlossenen Station weiter arbeiten, da der Arbeitsschutz für Schwangere das nicht zuließ. Das habe ich sehr bedauert. Aber das war eben nicht möglich. Als meine erste Tochter geboren wurde, war ich zweiundzwanzig und hatte gerade mal meine ersten Arbeitserfahrungen gemacht. Trotzdem entschloss ich mich erst einmal für unser Kind da zu sein. Nach der Geburt unserer zweiten Tochter habe ich dann als Tagesmutter gearbeitet. Das hat mir auch gefallen und Freude gemacht. Aber auf Dauer wollte ich doch gern wieder in meinen Beruf zurück. Und das habe ich peu à peu gemacht, als die Jüngste in die Schule kam. Da habe ich angefangen, in der ambulanten Pflege bei der Caritas zu arbeiten. Erst nur am Wochenende, aber schon bald habe ich das langsam ausgebaut. In der ambulanten Pflege hat man ja auch viel mit Sterben und Tod zu tun. Es hört sich für viele vielleicht merkwürdig an, aber es hat mir Freude bereitet, Sterbende zu betreuen – auch wenn ich aus heutiger Sicht eigentlich wenig Erfahrung in dieser Hinsicht hatte.

Es war und ist nicht belastend für mich, mit Sterbenden zu arbeiten. Es ist noch immer ein Geschenk, einen Menschen bis in den Tod begleiten zu dürfen. Und es hat immer noch etwas Faszinierendes, dass Menschen auf einmal aufhören zu atmen. Warum gerade in dem Augenblick? Ich hatte es in meinem Beruf ja immer mit dem langsamen Tod zu tun, nie mit dem plötzlichen Tod. Warum jetzt, frage ich mich immer noch. Warum nicht eher, warum nicht später? Und was passiert eigentlich genau in dem Moment? Eine Antwort habe ich bis heute nicht gefunden. Ich bin immer noch verwundert, wie ein Leben zu Ende geht. Man hat es nicht in der Hand. Aber belastend ist es meistens nicht.

Natürlich war ich zunächst einmal verunsichert. Was muss ich tun? Was kann ich lassen? Was sage ich den Angehörigen? Aber belastend? Nein. Es sind Menschen, und die dürfen – oft nach langer Krankheit – dann auch gehen! In der ambulanten Pflege ist es anders als im Hospiz. Meistens kam ich über einen längeren Zeitraum vielfach in die Familien. Da war ich auch immer irgendwie zu Gast. Im Hospiz lernt man heute den Menschen oft gar nicht mehr so richtig kennen. Leider, muss ich dazu sagen, denn je mehr Zeit man miteinander hat, umso mehr Vertrauen kann man aufbauen. Viele kommen erst sehr spät zu uns, wenn die Krankheit weit fortgeschritten ist. Seitdem das Palliativnetz in Münster so gut ausgebaut ist, können die Menschen länger, oft bis zum Tod oder zumindest bis kurz davor zu Hause gepflegt werden. Das ist auch das, was die meisten Menschen sich wünschen. Aber für uns Pflegende wäre es schöner, wenn die Verweildauer im Hospiz länger wäre.

Ja, das Hospiz. Da bin ich hingekommen durch eine Kollegin, die schon vorher von der ambulanten Pflege ins Hospiz gewechselt war. Das war vor 17 Jahren. So lange ist das schon her. Angefangen habe ich mit einer halben Stelle, ganz normal als Krankenschwester. Und irgendwann – ein paar Jahre später – war ich durch den plötzlichen Weggang der damaligen Leitung auf einmal kommissarische Hospizleiterin. Das habe ich aber nur für eine Übergangszeit gemacht. Auf Dauer wollte ich diese Aufgabe nicht übernehmen, denn dann hätte ich nicht mehr in der Pflege arbeiten können. Das war nicht mein Weg, das wusste ich.

Jetzt bin ich Pflegedienstleiterin und Stellvertreterin des Hospizleiters. Das heißt, dass ich ihn vertrete, wenn er nicht da ist. Meine normale Arbeit besteht darin, den Pflegebereich so zu organisieren, dass ein reibungsloser Ablauf gewährleistet ist 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche. Natürlich gibt es immer mal kleinere Engpässe, aber der Tagesablauf unserer Bewohner wird davon kaum tangiert. Ich schreibe Dienstpläne, ich begleite die Pflegenden bei ihren Problemen und Schwierigkeiten. Ich plane Fortbildungen und halte den Kontakt zwischen den verschiedenen Arbeitsbereichen. Ungefähr ein Viertel meiner Arbeitszeit verbringe ich im Büro. Ansonsten bin ich in der Pflege tätig. Und das ist gut so. Der Kontakt zu unseren Bewohnern ist mir wichtig. Ich bin vor über 30 Jahren Krankenschwester geworden, weil ich gerne pflegen wollte – und das tue ich immer noch.

Wir haben mittlerweile ungefähr 20 Pflegekräfte, von denen die meisten nicht in Voll-, sondern in Teilzeit arbeiten. Auf die Dienstplangestaltung haben unsere Mitarbeiter viel Einfluss. Wünsche darf man immer äußern, und fast immer können diese auch im Dienstplan berücksichtigt werden. Es herrscht ein gutes Arbeitsklima bei uns, was man auch daran ermessen kann, dass viele in unserem Team schon sehr lange dabei sind und kaum jemand geht.

Auch ich arbeite nicht mehr in Vollzeit. Ich bin zwar an fünf Tagen in der Woche da, arbeite aber nur sechs Stunden am Tag. Das „Mehr“ an Freizeit brauche ich und brauchen meine Kollegen und Kolleginnen, um zu regenerieren. Die Arbeit im Hospiz ist eine sehr intensive Arbeit, und man benötigt Zeit, um wirklich richtig abschalten zu können. Natürlich haben wir alle in verschiedenen Weiterbildungen und auch in der regelmäßigen Teamsupervision gelernt, Beruf und Privatleben zu trennen. Aber trotz der professionellen Distanz nimmt man doch immer etwas mit nach Hause – bewusst oder unbewusst. Unsere Arbeit besteht nicht nur aus der Pflege unserer Bewohner, sondern auch aus der Betreuung der Angehörigen. Wir versuchen sie aufzufangen, soweit es uns möglich ist. Wir erklären, was wir tun und auch was wir lassen. Wir versuchen, sie mit in die Begleitung einzubeziehen. Aber die tiefe Trauer, die Tränen, das emotionale Abschiednehmen, das manchmal doch noch unerwartet schnelle Ende eines Menschenlebens, das ist es, was uns in Gedanken noch länger beschäftigen kann. Das eigentliche Sterben eines Bewohners ist oft nicht das, was mich belastet. Eher im Gegenteil, würde ich manchmal meinen: Sterben können, sterben dürfen am Ende des Lebens kann auch erlösend sein.

Natürlich gibt es auch hektische Situationen bei uns im Haus. Man darf nicht vergessen, dass unsere Bewohner schwerkranke Menschen sind, die sich teilweise schon im Sterbeprozess befinden. Wir können und wollen nicht mehr heilen, wir wollen helfen. Atemnot, Angst, Übelkeit, manchmal auch Blutungen kommen immer wieder vor. Dann ist das Allerwichtigste: Ruhe. Bei dem Menschen bleiben, Ruhe vermitteln und Kollegen rufen, die die notwendigen Medikamente holen. Wir kennen diese Situationen aus langjähriger Erfahrung, aber auch ich muss mir dann immer wieder sagen: Ruhe, Ruhe, Ruhe.

Sie fragen, wie ein Tag in der Pflege im Johannes-Hospiz aussieht? Nun ist jeder Tag für jeden natürlich anders, aber ich fange meinen Dienst um 8.00 Uhr an mit einer Kurzübergabe. Detailliertere Informationen hole ich aus der Computerdokumentation, wenn ich sie benötige. Im Normalfall betreue ich zwei Bewohner, und wir besprechen miteinander, wie der Tag gestaltet werden soll. Der Tagesablauf wird sehr individuell geregelt. Wann möchten Sie aufstehen, sich waschen oder sich waschen lassen, frühstücken, nach unten gehen? Kommt Besuch? Gibt es Termine mit dem Physiotherapeuten, der Ärztin, dem Seelsorger? Und dann fange ich meistens mit der Pflege am Waschbecken oder im Bett an. Oft zusammen mit einem Krankenpflegeschüler, den ich anleite. Medikamente müssen rechtzeitig laut Medikamentenplan verabreicht werden. Verbände werden, wo nötig, gewechselt. Mit unseren Ärztinnen telefoniere oder spreche ich, wenn Bedarf da ist. Alles wird immer auf den einzelnen Bewohner abgestimmt, jeden Tag aufs Neue. Man nimmt sich nach Möglichkeit viel Zeit und redet mit dem Bewohner, schaut, ob es noch andere Wünsche oder Bedürfnisse gibt. Seelische, aber auch praktische, wie z.B. Haare waschen. Gespräche führen über das, was die Zeitung berichtet, aber auch über Sorgen und Ängste. Schauen, was man noch machen kann, und das ist von Tag zu Tag unterschiedlich. Ja, und dann ist es schon Zeit für das späte Team-Frühstück – wobei wir dabei bestrebt sind, nicht über die Arbeit zu reden. Was allerdings nicht immer gelingt… Zwischendurch ergeben sich auch Gespräche mit Angehörigen, und man schreibt die Dokumentation im Computer fort. Bei der großen Übergabe am Nachmittag, die ungefähr eine dreiviertel Stunde dauert, haben wir Zeit, um auf den Zustand jedes unserer zehn Bewohner intensiv einzugehen und zu schauen, was man noch optimieren kann. Und dann ist es auch schon 14.30 Uhr, und mir bleibt noch eine halbe Stunde – oder selbstverständlich auch länger, wenn nötig – für weitere Termine oder Absprachen mit Kollegen und Kolleginnen oder mit Herrn Roes, unserem Hospizleiter.

Nach meinem Arbeitstag fahre ich nach Hause und gehe mit Paula spazieren. Das sagte ich schon. Das tut mir gut. Andere Kollegen machen Yoga, spielen ein Instrument, ach, eigentlich hat jeder so seine eigene Art abzuschalten. Ich koche gern und lese viel – wenn mir die Augen nicht zufallen. Treffe mich öfter mit wirklichen Freunden. Telefoniere mit den Kindern, die weit entfernt studieren und ich unterhalte mich intensiv mit meinem Mann. In meiner Freizeit machen wir gern ganztägige Wanderungen, worüber Paula sich auch sehr freut!

Mein Beruf ist meine Erfüllung, das kann man so sagen, denke ich. Die Nähe zum Sterben und zum Tod hat mich geprägt, und zwar in dem Sinn, dass ich Zeit als etwas Kostbares empfinde. Es mag auch an meinem Alter liegen, aber ich versuche, meine Zeit so intensiv wie möglich zu nutzen, was nicht heißt, dass ich nicht auch mal das Nichtstun genießen kann.

Im Hinblick auf mein eigenes Sterben kann ich nur sagen, dass nach meiner Erfahrung alles wahrscheinlich anders kommt, als man sich das vorstellt. Heute würde ich denken, dass ich bei einer unheilbaren Krankheit nicht mehr viel machen wollte. Ich würde ein Wohnmobil kaufen und losfahren, genießen so lange es noch geht. Vielleicht haben viele Ärzte einen einseitigen Blick auf lebensbedrohliche Krankheiten. Sie versuchen alles, um das Leben zu erhalten. Aber um welchen Preis? Wird eine Chemotherapie im Endstadium das Leben verlängern? Und wenn ja, wie steht es um die Lebensqualität? Ist Nichtstun und Zulassen nicht auch eine Alternative? Ein Hospiz wäre für mich ein guter Platz für die letzte Lebensphase. Im Hospiz wird noch gelebt. Dort fände ich Unterstützung in der Art, wie ich meine letzte Zeit gestalten möchte. Deshalb arbeite ich ja dort so gerne!

Wenn ich gefragt werde, was ich beruflich mache und ich dann vom Hospiz erzähle, bekomme ich oft zur Antwort „Das könnte ich nicht“. Das kann ich irgendwie schon verstehen, aber meine Antwort ist dennoch: „Jeder an seinem Platz. Ich könnte nicht in einer Stadtverwaltung oder einem Finanzamt arbeiten oder Lehrerin sein.“ So unterschiedlich sind wir Menschen. Wenn jeder das tut, was er gut kann, dann ist es gut.

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EIN LEBEN WIE EINE ACHTERBAHNFAHRT

„Monty“ (Raimund) Montenbruck (52)

Geboren wurde ich im Franziskushospital in Münster, da habe ich meine ersten Lebenstage verbracht. Und jetzt wohne ich in meiner letzten Lebenszeit im Hospiz direkt neben dem Krankenhaus, wo ich auf die Welt kam. Ist doch verrückt, oder? So was kann man sich doch nicht ausdenken. Ist aber wahr.

Ich werde demnächst 53. Am zweiten Weihnachtstag. Auch so’n Ding. War als Kind ganz schön blöd, zwei Tage nach Heiligabend Geburtstag zu haben. Ich war das Älteste von sechs Kindern. Drei Jungs und drei Mädchen – genau aufgeteilt. Mein Vater war Kranführer im Hafen hier. Da ist jetzt nix mehr los. Tote Hose. So ändert sich die Welt.

Über meine Kindheit möchte ich nicht gerne sprechen. War nicht so besonders damals, wir hatten es nicht so gut wie andere Familien. Alles ziemlich verkorkst. Aber lassen wir das. Meine jüngste Schwester, die ist hundertprozentig. Die hat immer zu mir gehalten – auch in meinen schweren Zeiten. Auf die lass ich nichts kommen. Und der Kontakt zu meinen Eltern ist seit ein paar Jahren auch wieder besser. Mein Vater besucht mich fast jeden Tag hier, und ich besuche die Eltern auch ab und zu. Vorher wohnte ich in Lingen, in Niedersachsen. Jetzt bin ich doch froh, wieder in Münster zu sein. Münster ist sowieso meins – absolut. Immer wenn ich woanders war, bekam ich irgendwann ganz schlimm Heimweh.

Mein Leben? Tja, mein Leben war nicht so ganz leicht. Aber in der Grundschule und Hauptschule lief alles gut. Danach habe ich mit 16 eine Lehre angefangen: Maler und Lackierer. Hat mir nach ’ner gewissen Zeit nicht mehr gefallen. Hinschmeißen bedeutete natürlich Arbeitslosigkeit. Hier und da mal gejobbt. Viel Stress mit den Eltern. Ich habe es damals einfach nicht mehr ausgehalten. Wollte nur weg von zu Hause. Bloß weg! Na ja, die Pubertät vielleicht auch. Aber es hätte alles besser laufen können. Hab bei Freunden gelebt, wieder zurück nach Hause, hin und her, und mit 18 war ich dann endgültig weg. Es gab auch keinen Kontakt mehr.

Danach ging es mir besser. Ich war zwei Jahre im Heim. Wie soll ich das erklären? In einem Heim für junge Heranwachsende. Das war prima da. Mit Betreuern und Sozialarbeitern – nette Leute, und man hatte ein Zimmer für sich, das kannte ich gar nicht. Da gab es Wärme, da wurde zugehört, richtig zugehört, wenn ich etwas gesagt habe oder etwas wollte. Aber nach zwei Jahren wurde das Heim dicht gemacht – warum auch immer. Wir haben noch protestiert und alles, aber das nutzte nichts. Dann habe ich es wieder zu Hause versucht, aber das war wieder nix. Dann zu Freunden, mal hier und mal da oder so. Ich bin dann immer wieder schnell gegangen, weil ich weiß, wenn man zu lange irgendwo bleibt, dann nervt das. Das kenn ich doch. Dann Wohnheime für solche wie mich, aber da habe ich es auch nicht lange ausgehalten in Dreier- oder Viererzimmern mit immer anderen Bettnachbarn. Was da abgeht, will ich gar nicht erzählen. Na ja, und so bin ich irgendwann auf der Straße gelandet. Obdachlos, richtig obdachlos mit allem Drum und Dran. Das kann sich keiner vorstellen, wie das ist. Fast vier Jahre lang ohne Dach überm Kopf. Aber man hat es mir nicht angesehen, da hab ich genauestens drauf geachtet, immer sauber angezogen sein und rasiert und so. Zum Schlafen habe ich mir alte leer stehende Häuser ausgeguckt. Da bin ich abends rein mit Isomatte und Schlafsack, und am nächsten Morgen dann ins Heim zum Duschen und Frühstücken. Wäsche waschen konnte man da auch, und die Sozialarbeiter haben immer versucht zu helfen.

Dann kam eines Tages meine jüngste Schwester an, da war sie gerade volljährig. Sie wollte unsere Schwester, die in England wohnte, besuchen und fragte, ob ich mitkommen wollte. Nur so zu Besuch für ’ne Woche. „Yes“, hab ich gesagt, „ich komme mit.“ Und wir dahin. Und aus einer Woche wurden dann knapp zwei Jahre. Eigentlich wollte ich für immer da bleiben, denn es gefiel mir gut. Ich wohnte bei meinem englischen Schwager und meiner Schwester mit ihren drei Kindern. Die haben mich aufgenommen, und das war toll. Nach zwei Monaten sprach ich prima Englisch, nicht mehr dieses Schulenglisch von hier. Dann fand ich einen Job als Küchenhilfe in einem Internat dort. Das war ’ne klasse Arbeit. Die Leute waren auch richtig nett zu mir. Nach langer Zeit bin ich mal zurück nach Münster, auf Urlaub sozusagen, und als ich dann wieder in Bedford zurück war, da kam auf einmal das Heimweh. Das war wie eine Krankheit. Da gefiel es mir in England plötzlich nicht mehr. Da vermisste ich die alten Kumpels, da vermisste ich meine eigene Sprache, da ärgerte mich, dass die Engländer meine Witzchen manchmal nicht verstanden, da vermisste ich alles Deutsche und fand auf einmal, dass die Engländer eigentlich doch ganz anders sind. Und da wollte ich nur noch weg. Heimweh war’s wohl. So ist mir das öfters gegangen. Vielleicht ein Fehler?

Ja, danach habe ich noch einmal eine Lehre angefangen. Maler und Lackierer wieder. Da kannte ich mich ja schon gut aus. Aber auch das hat nicht hingehauen. Ich lass mir ja vieles gefallen, aber eben nicht alles! Wieder abgebrochen nach anderthalb Jahren. Wieder auf der Straße gelandet. Da ging alles von vorne los. Klar, mit dem Geld vom Amt bin ich immer ausgekommen, hab auch zwischendurch mal was verdient und so. Geschnorrt oder gebettelt habe ich nie. Das kann ich nicht leiden. Aber meistens war ich damals hinterm Bahnhof. Da ist die Szene immer noch, aber das ist jetzt für mich schon länger vorbei. Klar, getrunken habe ich auch, aber mich immer fern gehalten von harten Drogen. Nee, mit Drogen habe ich nie etwas gehabt, toi, toi, toi! Nach einigen Jahren habe ich mich freiwillig beim Arzt gemeldet, denn ich wollte eine Therapie machen wegen Alkohol, nicht dass ich da noch weiter reinschliddere… „Aber nicht in Münster“, habe ich gesagt, „lieber weiter weg von den Kumpels und vor allem von der Szene.“

Tja, und so bin ich nach Lingen im Emsland gekommen. Betreutes Wohnen, Therapie gemacht, Gruppenstunden – aber man konnte immer raus, es gab nur ein Gesetz: Nicht trinken, kein Alkohol. Hat alles gut geklappt. Arbeit gab es auch bei einer Teilzeitfirma. Prima. Und dann kam es noch besser, denn ich habe meine Frau Heike kennengelernt. Bei der Arbeit, ja. Es war Liebe auf den ersten Blick, von beiden Seiten. Das passte einfach, das hat so richtig hingehauen, und ungefähr ein Jahr später haben wir geheiratet. Eine glückliche Zeit war das, eine sehr glückliche Zeit. Als wir zusammenkamen, habe ich erzählt, dass ich nicht „die Unschuld vom Lande“ bin, – so sagt man das doch – dass ich schon vieles hinter mir hatte. Dann habe ich alles erzählt, aber sie fand es großartig, dass ich mich immer wieder selbst aus dem Sumpf herausgezogen habe. Sieben Jahre waren wir zusammen. Schöne Jahre waren das! Bis wieder Sachen passierten, worüber ich nicht sprechen will. Dann die Scheidung. Kein Kontakt mehr. Thema abgeschlossen. Aber es war eine meiner besten Zeiten im Leben. Und das tut dann natürlich doch sehr weh.

Danach war ich wieder mal unten. Ich sage ja, mein Leben ist wie eine Achterbahnfahrt… Ich habe mir eine kleine Wohnung gesucht, und durch Zufall kam ich in Kontakt mit dem SKM, Sozialdienst für katholische Männer heißt das. Ja, das habe ich noch nicht erzählt, ich bin katholisch – aber nicht richtig gläubig, nö. Aber der SKM hat mir schon weitergeholfen, ganz schwer weitergeholfen, echt. Sie helfen sogar jetzt noch mit dem ganzen Papierkram und so.

Einen Ein-Euro-Job habe ich damals bekommen. Das war ok für mich, ich bekam ja Hartz IV, und davon konnte ich leben. Ich arbeite ja eigentlich gerne. Und letztes Jahr habe ich eine Festanstellung bekommen beim Sozialkaufhaus, wo ich die ganzen Jahre schon war. Habe ich mich gefreut! Wieder richtig Geld verdienen. Wieder dazugehören!

Leider war damit schnell Schluss, denn nicht lange danach kam ich mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus. War aber keine Lungenentzündung, war Lungenkrebs. Als der Arzt mir das vorsichtig sagte, bin ich zusammengesackt, heulend zusammengebrochen in seinem Büro. „Was mach ich bloß jetzt, was soll werden“, hab ich gedacht. Dann haben sie versucht, mich zu trösten, und es wurde geschaut, was noch gemacht werden kann. Anfangs gab es noch Hoffnung, aber die gibt es nun nicht mehr. Ich war in vielen Krankenhäusern, und im letzten lag ich schon in Essig – es ging mir sehr, sehr schlecht. Infekt am Tumor, nichts mehr zu machen… Da kam die Sozialarbeiterin an mein Bett und erzählte mir von Hospizhäusern. Hatte ich noch nie von gehört, konnte mir auch nix drunter vorstellen, aber ich hab „ja“ gesagt. Ich hatte ja eh keine Wahl – aber wenn schon, dann wollte ich unbedingt nach Münster. Und das hat geklappt! Jetzt bin ich im Johannes-Hospiz. Erst hab ich mir das mal kritisch angeschaut hier. Ich war ja schon in so vielen Heimen. Aber ich muss sagen, ja, doch, es gefällt mir hier. Ich kann machen, was ich will, alle sind nett, und das Essen schmeckt auch. Das Wichtigste ist mir aber, dass ich hier nicht alleine bin, dass ich mich nicht so alleine fühle. Ich kann auf meinen Knopf drücken und weiß, dass dann sofort jemand kommt. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Die Ärztin kommt auch oft vorbei, und wenn ich unruhig werde, dann muss ich das nur sagen und bekomme sofort meine Tablette. Das passt alles schon. Ist top, echt.

Grübeln tue ich auch weniger – am liebsten überhaupt nicht, ehrlich gesagt. Dinge regeln für mein Ende? Nee, da mache ich mir jetzt noch gar keinen Kopp. Nach mir die Sintflut – ja, so ungefähr. Da will ich nicht dran denken. Bloß weg die dunklen Gedanken! Ich wünsch mir, dass ich noch länger Zeit haben werde, wie lange weiß ich nicht, einfach nur länger. Ist ja schon super, dass ich wieder stehen und gehen und essen kann. Es soll einfach so weiter gehen. Noch ’ne schöne Lebenszeit haben, noch viel unternehmen auch.

Mein Vater kommt fast jeden Tag, das hab ich schon gesagt, und meine Lieblingsschwester kommt, wenn ich irgendwohin möchte und bringt und holt mich dann. Aber wenn ich meine Ruhe haben will, geht das auch. Dann sammle ich meine Kräfte für den nächsten Tag. Und falls es mal schlechter geht, jammere ich nicht – dazu bin ich nicht der Typ. Das mach ich mit mir selbst aus und bin dann am besten auch alleine. Alle anderen müssen gar nicht wissen, was mit mir ist. Auf Mitleidsdinger und Geheucheltes kann ich pfeifen!

Als ich neulich draußen auf der Terrasse saß, hat sich eine Pflegerin zu mir gesetzt und irgendwann gefragt, was ich denn noch für Wünsche habe. Noch einmal auf Schalke gehen, habe ich als Erstes gesagt. Ja, ich bin ein Schalke-Fan, immer schon gewesen. Habe seit 20 Jahren fast kein Spiel ausgelassen und in Deutschland gibt es kein Stadion, das ich nicht von innen gesehen habe. Schalke gehört zu meinem Leben, Schalke ist ein Stück von meinem Leben! Und ein paar Tage später kam der Hospizleiter zu mir und sagte, dass Schalke mich in die VIP-Lounge eingeladen hat für das nächste Spiel in der Euro-League. Das war die größte Überraschung meines Lebens. In der VIP-Lounge – ich! Es war Spitzenklasse, kann ich nur sagen. Mein Vater und zwei Pflegerinnen kamen mit. Schalke hat natürlich gewonnen und ich fühlte mich wie ein König: Monty in der VIP-Lounge – im Trikot und mit Fan-Schal selbstverständlich.

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ZWÖLF GESCHENKTE JAHRE

Ursula Manner (85)

Mein Mann und ich waren 60 Jahre verheiratet. Glücklich verheiratet, das kann ich ohne Wenn und Aber sagen. Nun ja, überall gibt es Höhen und Tiefen natürlich, das wäre ja sonst auch ein langweiliges Leben. Aber der Jupp hätte mir die Sterne vom Himmel geholt, wenn er gekonnt hätte. Und er sagte immer, dass er seine Wahl, was seine Ehefrau betrifft, nie bereut hätte. Nun, wo alles fast vorbei ist, ist das rückblickend ein sehr gutes Gefühl. Doch.

Begonnen hat alles, ja, wo soll ich anfangen? Nun gut, zu dem Zeitpunkt vielleicht, wo sich meine Eltern kennengelernt haben. Gegen Ende der 1920er Jahre muss das gewesen sein. Mein Vater war niedergelassener praktischer Arzt und Geburtshelfer. Das stand auf dem Schild an seiner Praxis in Siegen. Meine Mutter war dort bei Verwandten zu Besuch, sie war noch jung und kam aus Aachen. Der rheinische Tonfall hat sich bis heute in unserer Familie durchgemendelt. Ihre fröhliche, selbstbewusste und zupackende Lebensart auch. Also mein Vater hat sich Knall auf Fall in die junge Rheinländerin verliebt, und obwohl er 13 Jahre älter war, hat meine Mutter sich doch bezirzen lassen und ihn geheiratet. Ich wurde als Älteste 1930 geboren, und es folgten noch vier weitere Kinder, zwei Brüder und zwei Schwesterchen. Meine Mutter hatte Hauswirtschaft gelernt, und das kam ihr gut zu Pass, denn nun hatte sie einen großen Haushalt zu führen, und es kamen immer sehr viele Gäste. Es war ein schönes Haus, in dem wir wohnten. Es gab Hauspersonal, und wir Kinder hatten ein riesiges Kinderzimmer, in dem jedes seine abgetrennte eigene Ecke hatte. Und es gab ein Kasperletheater, wo unser Vater sonntags, wenn er Zeit für uns hatte, Aufführungen für uns und unsere Freunde veranstaltete. Es gab eine elektrische Puppenküche, und ich bekam irgendwann eine lebensechte Käthe-Kruse-Babypuppe mit einem vom Schreiner gemachten Babybettchen. Kurzum, es fehlte uns an nichts. Meine Eltern taten alles für uns. Es war eine schöne Kindheit, trotz des aufkommenden Nationalsozialismus. Kinder verstehen das ja nicht. Der Alltag in der Schule, die Lieder, der Fahnengruß, die Uniformen – wir haben uns nichts dabei gedacht. Das war irgendwie normal. Auch als der Krieg kam, ging alles zuerst so weiter wie bisher.

Aber dann starb mein Vater plötzlich an Bauchfellentzündung. Es gab noch kein Penicillin und keine Antibiotika. Er hat wohl gewusst, dass er sterben musste, hat meine Mutter später erzählt. 47 Jahre alt ist er nur geworden. Wenn ich heute daran denke, dass die Medizin jetzt so viel weiter ist, macht mich das immer noch traurig. Meine Mutter war gerade einmal 35 Jahre alt, ich 12, und die Jüngste war erst drei Monate, als unsere Welt einstürzte. Und das kann man wörtlich nehmen, denn kaum ein Jahr später, beim zweiten großen Bombenangriff auf Siegen, wurde unser Haus komplett zerstört. Wir waren zum Glück im Bunker, und als wir wieder raus durften, war von dem großen Haus nur noch ein einziger Trümmerhaufen übrig. Und ganz oben auf dem Trümmerberg lagen zwei Figuren aus unserem Kasperletheater: Der König und der Kasper, ziemlich lädiert natürlich. Sonst war nichts mehr da. Alles weg – auch meine heißgeliebte Babypuppe. Wir hatten nichts mehr, weder einen Löffel noch sonst etwas.

Wir kamen vorübergehend im Kinderkrankenhaus unter. Das war gut, weil es da für uns alle genug zu essen gab, denn die Mutti hat in der Küche gearbeitet. Nach Kriegsende konnten wir irgendwann in ein Haus ziehen, das die Amerikaner wieder verlassen hatten. Da haben wir länger gelebt, und das war vor allem für meine kleineren Geschwister schön, denn es gab einen Garten, wo sie spielen konnten und wo ich versucht habe, etwas zu essen anzubauen. Nie werde ich vergessen, dass dort einige Erdbeerpflanzen überlebt hatten und wir zu meinem 16. oder 17. Geburtstag eine Bowle daraus machen konnten. Was für ein Genuss in Zeiten, in denen es so gut wie gar nichts gab! Aber ich habe nie das Gefühl gehabt, etwas zu vermissen – auch in den schlechten Nachkriegsjahren nicht. Bis auf meinen Vater natürlich. Mutti hat alles versucht, um das Leben für uns Kinder so normal wie irgend möglich verlaufen zu lassen. Auch wenn es sonst nichts gab, bei uns gab es immer Wärme und Liebe. Wir alle fünf hatten mit ihr ein ganz enges Band. Wir sind zwar einen steinigen Weg gegangen, aber aus allen ist etwas geworden. Wenn ich heute daran denke, was unsere Mutter damals geleistet hat, steigen mir die Tränen vor Dankbarkeit in die Augen. Sie hat sich eine Strickmaschine gekauft und Tag und Nacht gearbeitet, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Ich habe nach der Schule auf meine Geschwister aufgepasst, ihr den Rücken freigehalten. Sie trug die ganze Verantwortung für das Einkommen, ich trug die Verantwortung für den Haushalt und die Kleinen. Aber das habe ich gerne getan. Ich wollte ja auch Hauswirtschafterin werden, aber ehrlich gesagt, war ich das ja eigentlich schon längst.

Und dann kam die Zeit, in der ich meinen Mann, meinen Jupp, kennengelernt habe. Er wohnte in Siegen unten am Berg und hat mich, da er sich schon von Weitem in mich verliebt hatte, oft abgepasst, wenn ich zu Fuß von oben kam. Er war fast fünf Jahre älter als ich. Da ich meinen Vater früh verloren hatte, haben mich gleichaltrige Jungen eigentlich nie so interessiert. Ja, so wird man geprägt. Aber es war gut so. Wir sind viel spazieren gegangen und haben uns immer angeregt unterhalten. Er war noch im Krieg und kurz in Gefangenschaft gewesen, das alles hat er mir auf unseren Spaziergängen erzählt. Es gab eine schöne Intimität zwischen uns bei unseren Wanderungen, und das ist immer so geblieben, unser ganzes Leben lang. Wir sind gewandert wie die Weltmeister. Auch später in den Urlauben, bei Wind und Wetter. Wir waren immer zu Fuß unterwegs.

Ich hatte in dieser Zeit einen schweren Unfall, habe meinen Arm und meine Hand entsetzlich verbrannt. Damals stand es auf der Kippe, und ich habe schon das helle Licht des Himmelreichs gesehen. Später, als der Arm drohte steif zu werden, habe ich Jupp gesagt, dass ich ihn dann nicht heiraten würde – eine verkrüppelte Frau, die keinen Haushalt führen kann… Da hat er nur gelacht. Er hätte mich auf jeden Fall geheiratet.

1953 war es so weit. Am Osterdienstag. Ich muss wohl in der Hochzeitsnacht schwanger geworden sein, denn unser Sohn kam, vier Wochen zu früh, Ende Dezember zur Welt. Die Leute haben sich bestimmt das Maul zerrissen, von wegen einer „Muss-Heirat“, aber so war das nicht. Ich habe immer gesagt, das machen wir nicht. Das kann ich meiner Mutter nicht antun, und außerdem möchte ich stolzen Hauptes in Weiß vor dem Altar stehen. Er hat es respektiert und gesagt, „Wir holen das alles nach“. Das haben wir auch.

Mein Mann hat eine Lehre an der Sparkasse gemacht. Er hat als kleiner Bankangestellter angefangen und war, als er seinen Abschied nahm, Direktor. Dafür hat er immer wieder viele Lehrgänge machen müssen, aber es klappte, und er kam sehr gut bei den Kunden an. Von Siegen sind wir nach Finnentrop ins Sauerland gezogen und von dort weiter nach Meschede. Unsere vier Kinder wuchsen heran, wir hatten unser Auskommen und es ging immer bergauf. Mit 62 Jahren hat Jupp sich pensionieren lassen. Wir lebten mittlerweile in gute finanzielle Verhältnisse, die Kinder waren schon längst aus dem Haus, und da machte haben wir beschlossen, nach Münster zu ziehen, da die Stadt kulturell Vieles zu bieten hat. Mein Mann war ein großer Musikliebhaber und hatte in Meschede schon die Musiktage ins Leben gerufen, die dort viel Anklang fanden und immer noch finden. Ich kannte Münster ein wenig und war sofort begeistert.

Ein neuer Lebensabschnitt begann. Das ist mittlerweile schon über ein Vierteljahrhundert her, und ich habe diese Entscheidung keine Sekunde bereut. Zwar meinten meine Kinder vor einiger Zeit, dass sie sich wünschten, ich solle wieder in ihre Nähe ziehen, aber das habe ich strikt abgelehnt. Ich bin seit 12 Jahren auf meinen Rollator angewiesen, und damit kam ich in der Stadt bestens zurecht – aber im Sauerland würde ich das nicht mehr schaffen, dieses ewige bergauf-bergab. Nein, das kam für mich gar nicht in Frage. Außerdem bin ich gefühlsmäßig mittlerweile eine richtige Münsteranerin geworden – trotz meines leichten rheinischen Tonfalls.

Im ersten Jahr sind wir, ohne Übertreibung, jeden Abend irgendwo hingegangen: In Symphoniekonzerte, ins Theater, gern auch in Orgelkonzerte, in die Oper, in Ausstellungen, was es nur gab auf kulturellem Gebiet. Alles haben wir aufgesogen – wie trockene Schwämme. Erst danach ließ unser Heißhunger auf Kultur etwas nach. Jedes Jahr waren wir in Bayreuth bei den Festspielen. Nach Düsseldorf, nach Köln, überall, wo es etwas Besonderes gab, sind wir hingefahren. Viele schöne Reisen haben wir auch noch gemacht. Herrlich war es und genossen haben wir es – und wie! Nur die Krankheiten, die dann kamen, hatten wir nicht einkalkuliert.

Vor zwölf Jahren bekam ich einen inoperablen Krebs. Das hat mich zutiefst erschüttert. Ich war immer davon ausgegangen, dass mein Man vor mir stirbt. Ich kann ihn doch nicht alleine lassen, er kommt doch ohne mich nicht zurecht, habe ich immer gedacht. Es gab dann Bestrahlungen und diverse Chemotherapien. Fragen Sie mich besser nicht danach. Es war, gelinde gesagt, äußerst unschön. Krankenhaus, Reha, Krankenhaus, Reha und so weiter. Ich war verzweifelt, aber nicht so sehr wegen meiner Krankheit, sondern wegen meines Mannes. Wie sollte er ohne mich weiter leben? Alles war nur schrecklich. Bis mein Mann einen Platz für mich im Johannes-Hospiz gefunden hatte. Da fühlte ich mich sofort geborgen. Das habe ich auch gesagt, als meine Tochter mich dorthin brachte und mein Mann mich im Flur erwartete. Er strahlte nur so, dass er mich wieder in seiner Nähe hatte, und ich habe gestammelt: „Hier bin ich wieder glücklich“. Er kam jeden Morgen zu mir ins Hospiz und blieb bis abends an meiner Seite. Das Haus war wunderschön und die Pflege unvergleichlich liebevoll und gut.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich damals nicht genau wusste, was ein Hospiz ist. Gehört hatte ich davon, aber dass man da stirbt, wusste ich eigentlich nicht. Und ich wollte auch nicht sterben – ich musste doch für meinen Jupp sorgen… Ich habe an meinen Tod einfach nicht geglaubt, weil ich ihn mir nicht vorstellen konnte. Das war sicher naiv, aber mir ging es in diesem Haus damals seelisch sofort besser und körperlich langsam, aber sicher auch. Und alle haben gesagt, es ist ein Wunder. Denn mein Krebs bildete sich zurück. Stellen Sie sich das mal vor! Ich war schon 74 Jahre alt, und der „unheilbare“ Krebs bildete sich zurück, bis nichts mehr da war und es mir wieder richtig gut ging. Ein Wunder – na ja. Bis auf das Laufen. Da haben sich einige Nerven im Fuß geweigert wieder zu funktionieren. Nun, irgendeinen Preis muss man ja bezahlen, oder? Nach fünf Monaten Johannes-Hospiz war ich wieder daheim und habe mich schnell mit meinem Rollator angefreundet. Das war vor 12 Jahren! Und obwohl wir beide nicht mehr so ganz fit waren, hatten wir doch noch eine gute Zeit zusammen. Zumindest, bis unser ältester Sohn ganz plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben ist. Das war entsetzlich. Er war gerade Opa geworden. Vor allem mein Mann hat es nie verwinden können, und es hat ihn gesundheitlich sehr mitgenommen. Es ist wider die Natur, wenn ein Kind vor den Eltern stirbt – auch wenn es schon längst erwachsen ist.

Jetzt werde ich bald 86 Jahre alt und lebe zum zweiten Mal im Johannes-Hospiz. Das war mein großer Wunsch. Es hat mir ja vor 12 Jahren schon so gut gefallen! Für mich kam, nach meiner erneuten Krebserkrankung, keine andere Lösung, kein anderes Haus, in Frage. Vor drei Jahren ist mein Mann gestorben. Er wollte sich nicht mehr operieren lassen, wollte nicht zum Pflegefall werden. Zum Ende hin ist es relativ schnell gegangen. Das war gut für ihn und auch für mich. Nun kann ich mich auf mein eigenes Lebensende vorbereiten. Es ist eh’ schon alles festgelegt. Unsere Asche – sagt man das so? – also die Asche meines Mannes und meine Asche werden zusammen im Meer verstreut. Dazu wünsche ich mir wunderschöne bunte Gerbera – die mochten wir doch beide so gern. Ich liebe zwar die Nordsee, aber da ist es immer so ruppig, also wird es die Ostsee. Meine Kinder und Enkelkinder können ja den Zeitpunkt bestimmen. Es könnte ja auch im Sommer sein. Auf einen Monat kommt es dann auch nicht mehr an…

Die Schwestern hier, die mich noch von damals kennen, sagen manches Mal so aus Jux: „Frau Manner, passen Sie mal auf, vielleicht geschieht wieder ein Wunder…“. Aber das möchte ich auf gar keinen Fall. Es gibt andere, viel Jüngere hier im Haus, die ein solches Wunder wesentlich besser gebrauchen könnten!

Mir gefällt es nicht, dass ich nicht mehr selbständig sein kann und auf fremde Hilfe angewiesen bin. Aber es ist nun mal so. Ich habe mein Leben gelebt, und ich betone immer wieder, dass es ein gutes Leben war. Jetzt will ich auch nicht mehr weiter und kann mit einem guten Gefühl abtreten. Ich freue mich auf meinen letzten Atemzug – ehrlich.

Meine Kinder schimpfen immer, wenn ich so etwas sage. Wir haben gottseidank eine gute, intakte Familie. Kinder, Enkelkinder, Urenkel – alle kommen mich hier besuchen, geben sich die Klinke in die Hand. Schön und gut, aber mir reicht das Leben jetzt. Soll ich meine Kinder trösten? Nein, ich sage immer „Ihr könnt weinen, wenn ich nicht mehr da bin, aber bitte nicht zu viel. Esst was Schönes, trinkt auf mein Wohl und dann lasst es gut sein. Ich hatte doch ein schönes, langes Leben und kann zufrieden zurückblicken. Was will man mehr? Also lasst mich gehen. Ich liebe Euch.“

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DAS ENDGÜLTIGE AKZEPTIEREN

Michael Fichtner (49)

Unsere Tochter Merle wird demnächst zwölf Jahre alt. Es ist der erste Geburtstag, den sie ohne die Mama feiern muss, aber wir werden ganz bestimmt ein wunderschönes Fest daraus machen, und sie ist schon sehr gespannt darauf. Meine Frau hätte das genau so gewollt. Realistisch, optimistisch und der Zukunft zugewandt. So war unsere kleine Familie immer, und so werden meine Tochter und ich auch zu zweit weiterleben.

Sicher war es für Merle nicht einfach, so früh in ihrem Leben schon mit schwerer Krankheit, Sterben und Tod in Berührung zu kommen. Aber wir haben immer versucht, offen zu sein, ihr alles zu erklären, nichts zu beschönigen und keine Geheimnisse zu haben, was zur Folge hatte, dass sie ganz natürlich an das Lebensende ihrer Mutter herangeführt wurde. Kinder in dem Alter sind durchaus in der Lage vorausschauend zu denken, sie können ihre Konsequenzen ziehen, haben aber gleichzeitig eine besondere kindliche Unbedarftheit, die die Akzeptanz eines solchen Schicksalsschlages leichter macht, als es bei manchen Erwachsenen der Fall ist.

Selbst bin ich vor sechs Jahren zum ersten Mal mit dem Tod in der engeren Familie konfrontiert worden. Mein Vater starb 90-jährig, auch im Johannes-Hospiz. Die sehr guten Erfahrungen, die er und wir damals gemacht haben, waren ausschlaggebend dafür, dass meine Frau ihre beiden letzten Lebenswochen auch dort verbracht hat. Das Hospiz ist ein Segen.

Mein Vater, Jahrgang 1919, kam aus Schlesien und war direkt von der Schulbank in den Krieg eingezogen worden. 1940 hat er in Frankreich einen Arm verloren. Als Kriegsversehrter arbeitete er die letzten Kriegsjahre in Münster und hat einen neuen Bereich in der kommunalen Verwaltung mit aufgebaut und verantwortlich geleitet. Er war bis zu seiner Pensionierung dort tätig. Meine Mutter ist gebürtige Hamburgerin.

Persönlich habe ich meine berufliche Verwirklichung über einen längeren Orientierungsweg mit klassischer Schul- und Handwerksausbildung, unvollendetem Ingenieursstudium und einer Kaufmannsausbildung erlangt. Heute bin ich bei einer großen genossenschaftlichen Versicherung nach fast 25 Jahren in einer fach- und personalverantwortlichen Funktion tätig. Es ist kein „nine-to-five-Job“, aber die Tätigkeit gibt mir in meinem Leben Erfüllung und Zufriedenheit. Sie war auch während der Erkrankung meiner Frau eine Bastion der Normalität für mich.

Meine Frau Barbara habe ich mit 33 Jahren kennengelernt. Unsere gemeinsame Freundin Sandra und ihr Mann Markus haben uns zusammengeführt, und wir haben uns beide von Anfang an sehr gut verstanden. Ich will nicht sagen, dass es Liebe auf den allerersten Blick war, aber auf den zweiten Blick spürten wir, dass es passte und so sind wir relativ schnell zusammengezogen in eine Wohnung in der Innenstadt. Es waren schöne Jahre, freie Jahre. Wir sind viel gereist und haben das Leben intensiv genossen. Schnell wurde klar, dass wir, wie sagt man so schön, gemeinsam durchs Leben gehen wollten. Es folgte die Heirat, und da hatten wir uns schon vorgenommen, dass wir, wenn Nachwuchs kommt, auch ein eigenes Haus bauen wollten. Als Barbara schwanger wurde, haben wir dann ein Grundstück gekauft. Selbst haben wir auch viel beim Bau mit angepackt, halt alles, was wir konnten. Da kam mir meine handwerkliche Ausbildung gut zupass. „Muskelhypothek“ haben wir immer im Scherz gesagt. Nicht lange nach Merles Geburt sind wir dann hier in unser Haus im Dunstkreis von Münster eingezogen. Unser Leben änderte sich dadurch natürlich erheblich, aber es intensivierte sich auch. Wir waren nun ein Paar mit Verantwortung für ein kleines Mädchen. Wir fühlten uns wohl in unserer neuen Umgebung und fanden viele gleichgesinnte Freunde und Bekannte in der unmittelbaren Nachbarschaft und nachher durch die Kontakte, die Barbara mit anderen Eltern über die Krabbelgruppe, den Kindergarten und die Schule von Merle knüpfen konnte. Davon profitiere ich auch heute noch sehr.

Der Garten war das Hobby meiner Frau, darum musste ich mich nie kümmern. Das hat sich jetzt natürlich geändert, und ich habe schon viel dazugelernt. Ich hatte keine Ahnung, welche Sträucher und Pflanzen winterfest sind und welche nicht. Im Frühling wusste ich es dann! Man muss sich aber auch Hilfe holen. Wir haben hier eine Nachbarschafts-WhatsApp-Gruppe, und wenn ich schreibe „Kann mir jemand zeigen, wie man Rosen zurück schneidet?“, dann meldet sich bald jemand und bringt es mir bei. Gerade in unserer Situation jetzt ist das Gold wert – ein intaktes soziales Umfeld.

Wir hatten ein perfektes Leben, so wie wir es uns vorgestellt hatten. Zufriedenheit zu erlangen war immer unser Streben. Es war eine sehr, sehr schöne, glückliche und von Leichtigkeit geprägte Zeit. Es hätte gern so weitergehen dürfen. Aber dann kam die Erkrankung meiner Frau: Ein aggressiver Brustkrebstumor mit einer äußerst unguten Prognose. Als wir es erfuhren, es war der Nikolaustag, habe ich als Erstes gesagt: „So, und damit ist auch in unserem Leben die absolute Leichtigkeit erst einmal vorbei“. Wir haben der Situation von Anfang an realistisch ins Auge geblickt. Meine Frau war hoch motiviert, „den Scheißkerl“ – so nannten wir ihren Krebs immer – zu besiegen und sie tat alles dafür. Sie hat aber auch von Anfang an gesagt, dass sie kämpfen würde, so gut und so lange sie könnte, aber nicht über den Zeitpunkt der Aussichtslosigkeit hinaus. Dann sollte es auch schnell zu Ende sein. Ich habe sie darin immer, so gut ich konnte, unterstützt. Barbara war mutig, ausdauernd und zielbewusst und machte noch mehr Sport – auch während der Chemotherapie. Sie hat ihre Ernährung umgestellt und hat für sich und uns wie eine Löwin gekämpft. Nur leider hat die Chemo überhaupt nicht angeschlagen, und einige Monate später musste sie operiert werden. Nach anschließender Strahlentherapie und Reha schien der „Scheißkerl“ besiegt zu sein. Er war für einige Monate nicht mehr nachweisbar, und wir konnten gemeinsam mit Freunden und auch als kleine Familie allein sehr schöne Skiurlaube verbringen. Diese Reisen gaben uns noch einmal eine große Portion Mut und Zuversicht. Die Normalität war fast erreicht, und Barbara konnte auch wieder anfangen zu arbeiten. Aber kaum hatte sie sich in den Alltag zurückgekämpft, da kam der Krebs wieder.

Knapp zwei Jahre ging das so, und immer gewann „der Scheißkerl“. Haarverlust, Brustverlust, Implantat-Verlust, wieder Haarverlust, Bestrahlungen und so weiter. Sie wurde immer schwächer, und die ganzen Nebenwirkungen zermürbten auf Dauer natürlich auch. Nicht nur der Körper, auch die Psyche leidet, wenn die Krankheit einem peu à peu alles raubt. Wir haben fast jeden unserer geplanten Urlaube wieder absagen müssen, aber wir haben trotz dieser Ausnahmesituation auch immer versucht, unseren Alltag zu Hause so gut es geht aufrechtzuerhalten, für uns, aber vor allem für Merle. Kinder brauchen Normalität. Und wir haben sie immer mit einbezogen in die verschiedenen Krankheitsstadien. Warum Mama nicht mehr zusammen mit uns spazieren gehen kann, im Rollstuhl sitzen muss, warum ihr oft schlecht ist, warum sie immer mehr Hilfe benötigt. Merle hat es verstanden und ist auf ihre kindliche Weise toll damit umgegangen. Ja doch, sie waren ganz schön tapfer, meine beiden Frauen!

Sicher, die Hoffnung stirbt zuletzt, aber wir wussten ja wenige Monate vor Barbaras Tod, dass in ihrem Körper eine Zeitbombe tickt und wir haben es schließlich akzeptiert. Die Zeit der Hoffnung war vorbei. In unserem letzten gemeinsamen Sommer zu Hause haben wir viel über das bevorstehende Lebensende von Barbara und die weitere Zukunft von mir und Merle gesprochen. Man muss auch und gerade in einer solchen Situation realistisch bleiben, Vorkehrungen treffen, ein Testament verfassen, Vollmachten erstellen, die Beerdigung zusammen planen. Eine der zentralen Fragen war, wie kann ich bei meinem beruflichen Engagement das Leben für Vater und Tochter in Zukunft so gut wie möglich bewältigen. Wir haben ganz praktische Pläne gemacht, und Barbara hatte danach ein sicheres Gefühl, dass das gut gehen wird. Ich bin ein Mensch, der auch in dieser Situation ehrlichen Optimismus ausstrahlen kann. Auch Merle haben wir schon früh gesagt, dass Mama vielleicht sterben wird, dass dann die gute Seele den kranken Körper verlässt und Mama nicht mehr bei uns sein wird, aber dass ihre unsichtbare gute Seele für immer in uns bleibt. Dass sie das verstanden hatte, zeigte sich unmittelbar nach Barbaras Tod.

Als die Pflege zu Hause immer aufwändiger und schwieriger wurde, haben uns sowohl die Ärzte als auch der Palliativdienst nahe gelegt, einen Hospizplatz für meine Frau zu suchen. Eigentlich hätte Barbara daheim sterben wollen, aber wir mussten auch an unsere Tochter denken. Wenn 24 Stunden am Tag gepflegt werden muss, gibt es – wie sehr man sich auch bemüht – für ein Kind keine Normalität mehr. Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, aber es war eine Vernunftentscheidung, und wir beide wussten, dass Barbara im Johannes-Hospiz sehr gut aufgehoben sein würde. Wir kannten das Haus ja schon durch meinen Vater. Trotzdem war es sehr schwer für mich, den Koffer meiner Frau zu packen in der Gewissheit, im Kopf, dass sie nie wieder nach Hause kommen wird. Und Barbara hat gesagt: „Wenn der Krankentransport kommt, um mich abzuholen, will ich versuchen, die paar Schritte von der Haustür zum Auto erhobenen Hauptes und auf eigenen Beinen zu gehen.“ Diese Art des Abschiednehmens von ihrem Zuhause war für sie sehr wichtig. Und es ist ihr gelungen.

Dann folgten die zwei Wochen im Hospiz, und das war eine wirkliche Erleichterung für uns alle. Alles Pflegerische wird einem abgenommen. Die Atmosphäre im Haus ist heiter. Alle Mitarbeiter haben ein unbeschreiblich großes Einfühlungsvermögen: Das Miteinander, das Füreinander, das soziale Leben dort, die Entschleunigung, die Normalisierung des Sterbens, all das wird im Hospiz intensiv gelebt. Das Leben wird noch ein letztes Mal konzentriert. Diesen letzten Weg, den wir ja alle einmal gehen werden, der wird da sehr human begleitet, sehr selbstverständlich und so ganz ohne Schrecken. Barbara wurde optimal versorgt, ihr wurde jeder Wunsch erfüllt, was nicht da war, wurde besorgt, und ich konnte mich nun ganz intensiv um sie und Merle kümmern. Es kehrte eine Art Ruhe in uns alle ein. Barbara lebte noch einmal richtig auf. Sie konnte sogar wieder mit Appetit essen. Ich habe dann zu Hause ihr Lieblingsgericht gekocht, das im Hospiz warm gemacht wurde. Wir haben es dann dort zusammen gegessen mit Merle, als sie aus der Schule kam. Ein Stückchen Lebensqualität kehrte so zurück. Wir konnten noch besprechen, wie die Trauerkarte aussehen und wie die Beerdigung im Einzelnen ablaufen soll. Sich mit dem Tod zu beschäftigen, alles im Detail durchzuspielen, das half uns beiden sehr. Also ich möchte diese Zeit nicht missen. Sich vorbereiten zu können auf das Lebensende seines liebsten Menschen ist ein wichtiger Prozess. Wirklich alles besprochen, alles geregelt zu haben, das gibt dem Partner das Gefühl, in Frieden sterben und, wie sagt man so treffend, in Frieden ruhen zu können. Für mich waren der Sommer und diese Wochen im Hospiz schon ein ganzes Stück der eigentlichen Trauerbewältigung, und meiner Frau gab es die sichere Gewissheit, dass wir auch ohne sie gut klarkommen würden. Wir hatten das Endgültige endgültig akzeptiert. Es durfte jetzt auch passieren.

Ich hatte Merle am Spätnachmittag vom Reiten abgeholt, und als wir ins Hospiz kamen, brannte unten im Flur eine Kerze. Da wusste ich sofort, dass Barbara gestorben war. Was dann folgte, war sehr schön, sehr intim und sehr wertvoll. Es lag eine Blume auf der Schwelle zu ihrem Zimmer. Barbaras Lieblingspflegerin sagte zu Merle: „So, jetzt machen wir Deine Mama richtig schön, willst Du uns dabei helfen? Dann hol schon mal ihre Lieblingssachen aus dem Schrank.“ Merle war die ganze Zeit dabei und hat geholfen. Zum Ende hin meinte sie: „Oh, jetzt sieht Mama schick aus. Aber sie wird so kalt. Mama, ist dir kalt? Ihre gute Seele hat jetzt bestimmt den kranken Körper verlassen.“ Als wir abends spät nach Hause kamen, haben wir zusammen noch etwas gegessen und sind dann ins Bett gegangen. Beide haben wir gut schlafen können. Es war vollbracht.

Am nächsten Tag fand unsere kleine Abschiedsfeier im engsten Familienkreis in ihrem Zimmer im Hospiz statt. Schön angezogen lag Barbara auf ihrem Bett. Die Kerzen brannten, es gab etwas Musik, ein Gebet wurde gesprochen, und wer das Bedürfnis hatte, konnte ein paar Worte sagen. Alles war sehr passend und feierlich. Ich habe es in sehr positiver Erinnerung.

Barbaras Wunsch war es, eingeäschert zu werden. Nach dem Gespräch mit der Bestatterin fragte diese Merle, ob sie Mamas Urne bemalen möchte. Merle fand das eine tolle Idee. Da hat unsere Tochter ihre ganze Kreativität hineingelegt und lange daran gearbeitet. Eine runde Tür hat sie darauf gemalt und ringsherum Natur mit Bergen und Blumen, Wolken und eine große Sonne. Sie war stolz darauf und hat es allen Kindern aus der Nachbarschaft gezeigt. Die hatten natürlich noch nie eine Urne gesehen und fragten ganz erstaunt, warum die denn so klein ist und wie ein Mensch da reinpassen soll. Merle hatte auf alle Fragen eine Antwort, und fünf Minuten später spielten die Kinder wieder draußen weiter. Am Tag nach der Bestattung wollte Merle unbedingt in die Schule gehen und hat gleich eine Deutscharbeit geschrieben, für die sie eine Zwei bekam. 14 Tage später sind wir beide dann in Urlaub gefahren: Wir haben die Herbstferien genutzt für unseren Neuanfang.

Das Leben hat sich natürlich verändert, der Alltag ist etwas anders strukturiert als früher, aber wir fühlen uns beide mittlerweile wohl in der geänderten Situation. Natürlich muss ich, nein, müssen wir beide den fehlenden Partner und die Mutter kompensieren. Aber es ist so wie es ist. Mein Lebensmotto war immer schon: Das, was sich nicht ändern lässt, muss man akzeptieren und dann das Beste daraus machen. Auf jeden Fall freue ich mich sehr, dass Merle trotz dieses großen Schicksalsschlages ihren weiteren Lebensweg gehen wird – und zwar mit Frohsinn und Zufriedenheit. Sie organisiert ihr Leben sehr gut selbst – nur allein nach Hause kommen ist manchmal noch schwierig, wenn sie etwas Erlebtes am liebsten sofort erzählen möchte. Aber auch dafür gibt es eine Lösung: Oben im Haus haben wir uns eine Kiste bewahrt mit vielen schönen Sachen, die Barbara gehörten. Wenn wir das Bedürfnis haben, ihr nahe zu sein, können wir etwas herausnehmen und uns intensiv erinnern. Das Wesentliche aber sind die schönen Erinnerungen in unseren beiden Herzen.