Zwei Welten

50 junge Menschen.
Aus 50 verschiedenen Ländern.
Was erwartet sie hier?

image

Franciska, 15
Bio und Englisch sind meine Lieblingsfächer. Vielleicht werde ich Lehrerin. Am liebsten in Kenia. Aber ich werde meine Schüler nie mit einem Stock schlagen, wenn sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben oder keine sauberen Fingernägel haben. Das machten die Lehrer in dem Internat, in dem wir lebten, bis unsere Mutter uns vor über einem Jahr mitgenommen hat. Sie hatte hier geheiratet. Wir kannten unseren Stiefvater schon, er hat uns zusammen mit meiner Mutter in den Ferien immer besucht und dann auch Deutsch mit uns geübt. Er ist echt korrekt. Er versteht sogar Suaheli und tut viel für meine Verwandten. ¶ Was mir hier fehlt, ist die Großfamilie, die Wärme und zum Beispiel die Mangos und Papayas, die man einfach vom Baum pflücken kann. Hier sind solche Lebensmittel sehr teuer – und ich esse so gerne Afrikanisch! ¶ Ich freue mich riesig auf die Ferien, dann kommen alle zu meiner Oma, da ist die ganze Familie endlich mal wieder zusammen. Und dann wird gefeiert und gegessen und geredet, die ganze Zeit. Und ich erzähle über Deutschland und alle lachen über meinen zweiten Berufswunsch. Denn wenn ich keine Lehrerin in Kenia werde, dann werde ich Profi-Fußballerin in Deutschland, darin bin ich nämlich echt gut!

image

Tian-Gu, 15
In Hongkong gibt es fast nur Hochhäuser. Richtige Wolkenkratzer, total viele. Eine moderne Weltstadt ist das, ziemlich laut und manchmal chaotisch. Aber genau das finde ich toll – dass Tag und Nacht überall etwas los ist und man mega-viel unternehmen kann. Einmal im Jahr bin ich mindestens da und freue mich immer, die Stadt und meine Verwandten wiederzusehen. ¶ Natürlich spreche ich Chinesisch, aber so richtig lange Briefe schreiben und Bücher lesen, das ist irre schwer. Um das gut zu können, müsste ich da leben oder sehr viel und intensiv lernen und üben. Dazu fehlt mir die Zeit, weil mich auch noch so viele andere Dinge interessieren. Na, dafür kann ich aber perfekt Deutsch und kenne beide Länder gut. ¶ In diesem Schuljahr war ich zwei Monate in Sydney, was total schön war. Nach Amerika will ich auch und später möchte ich in ganz vielen verschiedenen Ländern leben. Ich glaube, ich könnte mich überall auf der Welt zuhause fühlen – Hauptsache es gibt deutsches Brot und wahnsinnig viele Sorten Schokolade!

image

Artem, 15
Ich wollte nicht mit nach Deutschland. Was soll ich da, hab ich gedacht. Aber ich hatte keine andere Wahl. ¶ Zum Glück konnten wir für Tschip, so heißt mein Hund, Papiere kaufen. Der durfte dann doch noch mit uns einreisen. Ohne Tschip wäre ich eh nicht gefahren! Der versteht bis jetzt kein einziges Wort Deutsch, weil wir zuhause immer nur Russisch sprechen. Ich bin der einzige, der Deutsch einigermaßen kann. ¶ Meine Eltern glauben, dass wir hier bessere Chancen haben. Aber ich habe erst einmal mindestens ein Jahr in der Schule verloren. Wenn wir jetzt im Lotto gewinnen würden, dann könnten wir doch sofort zurückgehen, um in Kiew eine neue Existenz aufzubauen. Und wenn nicht jetzt, dann eben später.

image

Zikria, 19
Das Einzige, was ich aus Afghanistan noch besitze, ist die Gebetskette meines Bruders. Die trage ich immer, Tag und Nacht. Er wurde als Erster meiner Familie ermordet. Ich werde diese Kette nie wieder von meinem Hals nehmen. Als ich fünfzehn war, haben die Taliban meinen zweiten Bruder umgebracht. Da bin ich geflüchtet und war zuerst zweieinhalb Jahre in Pakistan. Allein. ¶ Die Weiterflucht hierher hat insgesamt vier Monate gedauert. Wir waren fast immer nur nachts unterwegs, mal in kleinen Gruppen, mal allein, mal mit hundert oder mehr Personen. Ich weiß nicht einmal, durch welche Länder ich gekommen bin. Oft habe ich gedacht, dass ich mein Ziel nie erreichen werde. Aber irgendwie habe ich es dann doch geschafft nach Deutschland zu kommen. Hier lebt mein ältester Bruder. Alle anderen, meine Schwestern und meine Eltern, sind wohl nicht mehr am Leben. ¶ Vielleicht schreibe ich irgendwann einmal, wenn ich wieder richtig gesund bin, ein Buch über alles, was ich durchmachen musste. Zum Glück habe ich jetzt bei meinem Bruder wieder eine Familie gefunden und darf sogar noch mal zur Schule gehen. Es könnte wie ein zweites Leben sein, wenn ich nur Sicherheit hätte, dass ich bleiben darf! Der Gedanke, nach Afghanistan abgeschoben zu werden, macht meine Seele krank.

image

Tania, 17
Mein Bruder war sechs oder sieben, als wir nach Deutschland kamen. Er würde sich jetzt in Iran wahrscheinlich nicht mehr richtig zuhause fühlen, dafür hat er zu wenig Erinnerungen. Auch ich kann mir nach sechs Jahren hier ein Leben dort nicht mehr vorstellen. Menschen ändern sich in einem anderen Land. Das ist nun mal Fakt. ¶ Trotzdem fühle ich mich hin und her gerissen zwischen zwei Kulturen und möchte das Beste von beiden auskosten. Meine Mutter versteht das, aber meine Tante aus Teheran, die uns neulich hier besuchte, meinte, ich soll hier so leben, wie sich das im Iran für ein Mädchen gehört. Da hab ich ihr gesagt: „Aber wir wohnen doch schon ewig in Deutschland!“ Sie wollte mich, glaube ich, nicht verstehen. Da haben wir uns so richtig gefetzt! Ich habe nicht nachgegeben, warum auch.

image

Mirlinda, 17
Unser Haus in Kosovo wurde im Krieg niedergebrannt. Zum Glück hatte ich die kleine Kette von meiner Mutter um, als es passierte. Es ist das Einzige, was ich von ihr noch besitze, denn sie starb, als ich erst drei war. Sonst ist alles weg. Auch alle Fotos von früher, das ist das Schlimmste. Das neue Album fängt erst hier in Deutschland an, als ob es kein Vorher gegeben hat … ¶ Irgendwie möchte ich schon zurück, denn ohne meine Großeltern, die mich aufgezogen haben, ist es hier nicht so gut. Wir wohnten in einem kleinen Dorf mit viel Natur ringsum. Und ich vermisse es immer noch, viel draußen sein zu können, wie damals. ¶ Aber als abhängige junge Frau könnte ich dort jetzt nicht mehr leben. Dann bleibe ich doch lieber hier und werde Krankenschwester.

image

Razan, 15
Meine Heimat ist Palästina. Aber wie es da aussieht, weiß ich nur aus dem Fernsehen. Hoffentlich sterbe ich nicht, bevor Palästina frei ist und wir endlich zurück können. ¶ Ich bin in Syrien geboren, habe bis vor vier Jahren in Saudi-Arabien gelebt, weil mein Vater da als Arzt gearbeitet hat. Jetzt sind wir hier, und auf einmal ist alles wieder ganz anders. Das fängt schon damit an, dass die Deutschen meinen Namen nicht richtig aussprechen können. Das ist nicht so schlimm, aber ich musste mich erst gewöhnen an sooo viel Neues: Die Schule, die Menschen, die vielen Bäume, die Ruhe und die vielen Freiheiten, die man hier hat! Einige von meinen nicht-muslimischen Freundinnen meinen zwar, dass bei uns zuhause alles so streng ist. Aber für uns ist das normal, und außerdem darf ich hier viel mehr als in Saudi-Arabien. Ich hab zum Beispiel Fahrradfahren gelernt. Das dürfen Frauen da nicht. Eigentlich durfte man dort gar nichts und hockte fast immer im Haus. ¶ Wenn wir irgendwann zurückgehen, dann hoffentlich nach Syrien. Da leben alle unsere Verwandten, und da will ich später auch studieren, um Apothekerin zu werden – Apothekerin im freien Palästina natürlich!