annet van der voort

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Das Einzige, was ich aus Afghanistan noch besitze, ist die Gebetskette meines Bruders. Die trage ich immer, Tag und Nacht. Er wurde als Erster meiner Familie ermordet. Ich werde diese Kette nie wieder von meinem Hals nehmen. Als ich fünfzehn war, haben die Taliban meinen zweiten Brüder umgebracht. Da bin ich geflüchtet und war zuerst zweieinhalb Jahre in Pakistan. Allein. Die Weiterflucht hierher hat insgesamt vier Monate gedauert. Wir waren fast immer nur nachts unterwegs, mal in kleinen Gruppen, mal allein, mal mit hundert oder mehr Personen. Ich weiß nicht einmal, durch welche Länder ich gekommen bin. Oft habe ich gedacht, dass ich mein Ziel nie erreichen werde. Aber irgendwie habe ich es dann doch geschafft, nach Deutschland zu kommen. Hier lebt mein ältester Bruder. Alle anderen, meine Schwestern und meine Eltern, sindwohl nicht mehr am Leben.
Vielleicht schreibe ich irgendwann einmal, wenn ich wieder richtig gesund bin, ein Buch über alles, was ich durchmachen musste. Zum Glück habe ich jetzt bei meinem Bruder wieder eine Familie gefunden und darf sogar noch mal zur Schule gehen. Es könnte wie ein zweites Leben sein, wenn ich nur Sicherheit hätte, dass ich bleiben darf! Der Gedanke, nach Afghanistan abgeschoben zu werden, macht meine Seele krank.


The only thing which is still in my possession from Afghanistan are my brother’s prayer beads. I wear it all the time, day and night. He was the first of our family to be murdered. Never again will I take this chain off my neck.
When I was fifteen the Taliban killed my second brother. I then fled and stayed in Pakistan for two-and a half years. All on my own.
The further escape to this place took me altogether four months. Most of the time we travelled during night time, at times in small groups, sometimes all alone, now and then with some hundred or more people. I don’t even know which countries we were travelling through. I often thought that I would never reach my destination.
And yet somehow I managed to get through to Germany. My eldest brother is living here. I believe that the rest of my family, my sisters and my parents are no longer alive.
However I am having a family again and I can even attend school. One of these days – when I am well again - I might even write a book on all I went through.

Zikria, 19

zwei welten / two worlds